Die Zustände in deutschen Altersheimen

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Ich möchte Euch über meinen Vater erzählen…

Mein Vater ist 89 Jahre alt und fortgeschritten dement. Er lebte bis Anfang Juli noch zu Hause mit seiner Lebensgefährtin.

Da die Nächte immer unruhiger wurden und er beinahe jede Nacht stürzte und sich oft auch dabei verletzte, kam er Anfang Juli zunächst in die Kurzzeitpflege, die dann aber direkt in eine vollstationäre Pflege mündete.

Nun lebt er in einem Pflegeheim. Das Pflegeheim nennt sich „Seniorenresidenz“ und laut Google-Bewertungen und Aussagen der dortigen Bewohner ist es eines der besseren. Der äußere Eindruck ist zunächst gut, es liegt idyllisch auf einer Anhöhe und wenn man aus dem Fenster schaut, dann sieht man in der Ferne den Brocken im Harz.

Die Lebensgefährtin meines Vaters verbringt täglich viele Stunden bei ihm und kümmert sich, so gut ihr das mit ihren 84 Jahren möglich ist.

Eigentlich sollte ein Pflegeheim ein Ort sein, an dem ein alter Mensch gut umsorgt ist und seine letzte Zeit, die ihm bleibt, gut aufgehoben verbringt – aber die Realität innerhalb unseres Gesundheitssystems sieht anders aus.

Ständig wechselndes Personal, kaum Zeit für die Menschen, die dort leben. Es gibt jeden Tag Beschäftigungsangebote, doch wer kümmert sich, dass der Bewohner pünktlich dort erscheint? Es hängt immer vom Pfleger ab…

Und hier möchte ich mal eine Lanze für die männlichen Pfleger brechen. Zwei deutsche, zwei Afrikaner und ein Syrer sind auf Station 2 Pfleger, die meinem Vater dort herzlich zugewandt sind und sich im Sinne von Herzlichkeit und Menschlichkeit wirklich kümmern.

Sie schauen nach ihm, haben stets liebe und warme Worte, bringen Geduld und Aufmerksamkeit mit, haben viel Humor und holen ihn stets zum Essen und zur Beschäftigung ab – WENN sie auf der Station eingeteilt sind und Dienst haben – und das wechselt leider ständig.

Du weißt NIE, wer wann kommt und da ist. Ständig wechselndes Personal.

Es gibt auch vereinzelt Pflegerinnen, die nett sind. Den Großteil der Pflegerinnen allerdings habe ich als überfordert, gleichgültig, desinteressiert, überheblich und kalt erlebt. Jedes Anliegen, jedes Extra ist ihnen zu viel.

Beim Essen schaut oft niemand hin, ob der Bewohner überhaupt isst oder trinkt. Und wie wichtig ist gerade das Trinken bei alten Menschen. Windeln werden nur nach Zeitplan gewechselt, nicht nach Bedarf. Wenn mein Vater nachts stürzt, kann es sein, dass er lange auf dem Boden liegen bleibt, bevor es überhaupt jemand merkt. Verletzungen werden gar nicht gesehen.

Ohne seine Lebensgefährtin, die täglich für ihn da ist, würde mein Vater still und leise vor sich hinvegetieren – wie viele andere dort auch. Und ich sage es nochmal: Es ist ein besseres Pflegeheim.

Mein Vater erhält Psychopharmaka, damit er nachts ruhig bleibt und nicht umherirrt und Unfug baut. Sonst nimmt ihn nirgendwo ein Pflegeheim auf. Ich habe diesbezüglich viel versucht. In jedem Heim das Gleiche. Die Heime, die „besser“ sein sollen, alleinig für Demenzkranke, hoffnungslos ausgebucht. Willst Du also einen Platz, musst Du das „Spiel“ in gewisser Weise mitspielen.

Die Dosierung der Psychopharmaka führte dazu, dass er tagsüber so sediert war, dass er fast nur noch schlief. Fähigkeiten wie Laufen oder zur Toilette gehen, selbst Essen und Trinken, gingen innerhalb von Tagen verloren.

Das Pflegepersonal hatte damit kein Problem – für sie bedeutete es weniger Arbeit. Dass es für meinen Vater den Verlust seiner Lebensqualität bedeutete, das interessierte niemanden.

Und jetzt das Erschreckende: Der Psychiater wollte mit mir über eine Dosisanpassung nicht reden, weil er meinte, sein Ansprechpartner sei das Pflegeheim, nicht ich.

Und wie gesagt – das Pflegeheim hatte kein Interesse an einem wacheren Bewohner und hinzukam, durch das ständig wechselnde Personal und auch durch einen ständigen eklatanten Personalmangel wurden solche „Kleinigkeiten“ gar nicht weiter bemerkt und beachtet.

Also schrieb ich an den Psychiater offiziell an und forderte ihn unmissverständlich auf, die Dosierung meines Vaters umgehend anzupassen, was er dann auch tatsächlich tat.

Das Pflegeheim setzte ich lediglich in Kenntnis von meiner Aktion. Die Lebensgefährtin und ich waren zu dem Zeitpunkt ohnehin schon längst als Querulanten verschrien. Man lässt sich eben nicht gerne auf die Finger schauen…

Drei Tage später war mein Vater wieder wacher, konnte wieder laufen, eigenständig essen und trinken. Ein kleiner Erfolg!

Aber ich frage mich: Ist das das Gesundheitssystem eines modernen Industrielandes, auf das wir so stolz sind? Ein System, das Schwächste wie alte Menschen, Kinder, Menschen mit Behinderungen und psychische Erkrankte derart im Stich lässt? Menschen, die aufgeschmissen sind, wenn sich Angehörige nicht 24/7 mit kümmern.

Und besonders traurig ist, dass es nicht nur ein kollabierendes und versagendes System ist, sondern dass auch Menschen, die innerhalb dieses Systems arbeiten, oft nur noch wenig von dem haben, was uns Menschen eigentlich ausmachen sollte: Mitgefühl, Barmherzigkeit und Liebe.

Doch zum Glück gibt es auch hier immer wieder ein paar wenige Ausnahmen!

In dem Sinne, Ihr Lieben!

Eure Ayse

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