Hallo Ihr Lieben,
ich muss Euch leider sagen, dass ich für diesen Herzensbrief heute nichts Besonderes vorbereiten konnte, da mich mein eigenes Leben gerade absolut fordert.
Doch ich habe mich entschlossen, Euch ein wenig daran teilhaben zu lassen, weil es einfach u.a. sehr gut zeigt, wie sehr unser Gesundheitssystem wirklich am Ende ist.
Mein Vater ist 88 Jahre und fortschreitend dement. So wie er aber in meiner Kindheit über viele Jahre meine Sonne war, so möchte ich ihm nun etwas von dieser Liebe zurückgeben und für ihn da sein. Das bedeutet, dass ich gute Lösungen finden muss, was für alle Seiten im Augenblick sehr emotional, aber auch rein praktisch einfach mit vielen schier unüberwindbaren Herausforderungen verbunden ist.
Am Tag ist mein Vater sehr ruhig, lieb und schläfrig, doch in der Nacht ist er getrieben von innerer Unruhe und Umtriebigkeit. Er ist dann völlig wirr und weiß nicht, was er tut und bleibt leider auch nicht im Bett. Das hat zur Folge, dass er immer wieder stürzt und sich verletzt.
Dadurch war er nun schon mehrfach im Krankenhaus und seine Lebensgefährtin ist mittlerweile mit der häuslichen Pflege überfordert. Also ist er seit zwei Tagen in der Kurzzeitpflege und wird aber vermutlich dauerhaft im Pflegeheim bleiben müssen.
Also ist die erste Herausforderung, ein Pflegeheim zu finden, das Kapazitäten frei hat und das das Wort Pflege auch wirklich im Sinne seiner Bewohner umsetzt und gleichzeitig so in meiner Nähe ist, dass ich ihn regelmäßig besuchen kann.
Wisst Ihr, ich höre es an allen Ecken und ich weiß schon lange, dass das System kaputt ist. Ich wurde – wie wir alle – in dieses System hineingeboren, ich lebe größtenteils darin, entziehe mich, wo es mir möglich ist, aber an vielen Stellen kannst Du Dich nicht entziehen, z.B. wenn Du ins Krankenhaus musst. Und dann fliegt Dir die Realität mit aller Macht um die Ohren.
Die zweite Herausforderung für mich ist, dass es mir gelingen muss, meinen Vater nachts so ruhig zu bekommen, dass er im Bett bleibt. Sonst nimmt ihn nämlich kein Pflegeheim auf. Damit das gelingt, muss er von einem Psychiater stationär medikamentös eingestellt werden. Und das scheint in Deutschland beinahe unmöglich zu sein. Dafür brauche ich nämlich eine Anordnung zur Unterbringung gegen seinen Willen, denn wenn er freiwillig gehen würde, sind die Wartezeiten in „guten“ Psychiatrien so lang, dass es Monate dauern würde, bis er dort einen Platz bekäme.
Eine Einweisung gegen seinen Willen kann aber nur nachts erfolgen, weil er am Tag ja ganz ruhig ist und weder Krankenhaus noch Pflegeheim eine rechtliche Handhabe hätten.
Nun war er im Krankenhaus (Urologie) infolge eines Sturzes und das Krankenhaus hätte entsprechend verfahren können, taten sie aber nicht, sondern haben ihn in der Nacht – um Arbeit zu vermeiden – völlig überdosiert mit einem so starken Antipsychotikum ruhig gestellt, dass er zwei Tage so sediert war, dass er nicht einmal mehr essen und trinken konnte und Flüssigkeit über den Tropf bekam.
Dann entließen sie ihn in die Kurzzeitpflege, mit einem Entlassungsbrief, dass der Patient nachts medikamentös gut eingestellt sei – was natürlich absolut nicht stimmte.
Das Pflegeheim meldete sich den nächsten Tag und teilten mir mit, dass sie meinen Vater nicht behalten könnte, weil das Krankenhaus die Unwahrheit erzählt hätte, um ihn loszuwerden und er nachts wieder umtriebig gewesen sei. Sie bestellten im Verlaufe des Tages einen Krankentransport und brachten ihn zurück in die Notaufnahme des Krankenhauses. Ich verbot dem Arzt dort, meinem Vater ein weiteres Mal ein Antipsychotikum zu geben ohne fachärztliche Expertise, aber sie schickten meinen Vater nach drei Stunden ohnehin wieder zurück ins Pflegeheim, weil sie mit ihm nichts anfangen konnten, da er körperlich ok war.
Es ist einfach ein Skandal…
Personalmangel im Krankenhaus, ungelernte „Fachkräfte“, nicht selten auch inkompetente, dafür aber vor Überheblichkeit strotzende Ärzte. Das alles habe ich – besonders die letzten Tage – zur Genüge kennengelernt.
Ich verstehe, dass dieses System für Menschen wie meinen Vater nicht viel zu bieten hat… Ich verstehe, dass das Gesundheitssystem vollkommen überlastet und kurz vorm Zusammenbruch ist…
Doch jeder will die Verantwortung nur auf den anderen abschieben – das Krankenhaus aufs Pflegeheim, das Pflegeheim aufs Krankenhaus, die Psychiatrie macht es sich total einfach. Ausbaden muss es der Patient. Er verreckt vor Deinen Augen, Du kannst als Angehöriger nur zuschauen und es ist IHNEN egal. Es scheint so normal für sie zu sein, dass sie nicht einmal mit der Schulter zucken!
Und wenn zu diesem ohnehin maroden, nur auf IHREN Profit ausgerichteten System noch bösartige und gefühllose Menschen dazukommen, dann sind psychisch kranke Menschen, alte Menschen und Kinder – Menschen, die für sich selber nicht mehr einstehen können – diesem System und den darin arbeitenden Menschen hilflos ausgeliefert.
Ich bin grundsätzlich ein sehr friedfertiger Mensch; ich mag keinen Streit, ich provoziere keinen Streit – im Gegenteil – ich bin vom Charakter her eher beschwichtigend, vermittelnd und so manches Mal stecke ich viel zu viel ein.
Doch hier geht es nicht um mich sondern um meinen Vater, der sich nicht mehr selber wehren kann. Ich bin wirklich fassungslos wie offen böse, gleichgültig und fahrlässig Pfleger und Ärzte zum Teil reagieren – zum direkten Nachteil der Patienten/ zum Nachteil meines Vaters. Menschen, die in einem Beruf arbeiten, wo eigentlich Herz und Mitgefühl selbstverständlich sein sollten.
Und wenn dann zu alledem noch Pflegepersonal dazu kommt, das einen 88jährigen alten Mann ignoriert, weil ich sie als Tochter auf ihre Pflichten aufmerksam mache, diese Pflichten (höflich) einfordere, wenn sie ihn nicht waschen, ihn am offenen Fenster sitzen und frieren lassen, das Bett erst nach Stunden trotz Aufforderung trocken machen, es ihnen egal ist, ob mein Vater genügend trinkt oder ob alles daneben läuft, weil er allein nicht trinken kann, kein liebes Wort – dann bin ich wirklich erschüttert.
Ich könnte allein von den letzten zwei Tagen ein Buch schreiben, das einem Psychothriller gleichen würde.
Aber – und das gehört auch zur Geschichte – dann sind da noch drei andere Menschen, drei Pfleger. Einer in der Frühschicht, einer in der Abendschicht, einer am Wochenende. Drei echte, wahre Seelen: lieb, freundlich, mitfühlend, mitdenkend, hilfsbereit.
Durch sie weiß ich, dass ich richtig liege, dass nicht ich die „Böse“ bin, die die anderen Pfleger oder der Oberarzt aus dem Krankenhaus aus mir machen wollen.
Und ich bin so unendlich dankbar für diese drei wunderbaren Menschen. Es gibt sie, auch wenn sie in der Unterzahl sind.
Ich weiß, dass man Vater sich sein Leben ausgesucht hat, dass dies sein Lebensplan ist und er wohl bestimmte Erfahrungen noch machen soll, bevor er gehen kann. Ich akzeptiere das tief im Innern und bin darüber im Frieden, auch wenn mein menschliches Bewusstsein ihm so sehr eine letzte Zeit in Würde und Frieden wünscht.
Ich weiß, dass letztlich alles in der großen Gerechtigkeit und Hand GOTTES liegt. Und ich bin bereit loszulassen. Jederzeit.
Das heißt aber nicht, dass ich das Verhalten von Ärzten und Pflegern hinnehmen werde. Hier und heute werde ich für meinen Vater, seine Menschenwürde und sein Recht kämpfen, so wahr ich hier stehe! Es kostet Zeit, es kostet Kraft, es kostet manchmal Nerven. Aber aus meiner Sicht kann man nicht nur über den Weg der Wahrheit reden, man muss ihn auch konsequent gehen.
Von Herzen alles Liebe!
Eure Ayse